Wann war der Moment, in dem dir klar wurde: Ich will KI nicht nur studieren, ich will ihre Rolle in der Gesellschaft mitgestalten?
Emily Kate Genatowski: Ich sehe das Veränderungspotenzial, das KI in sich trägt. Als Historikerin habe ich viele Wendepunkte der Geschichte untersucht, an denen technologische Veränderungen Gesellschaften vollständig neu konfiguriert haben. Mit dem zeitlichen Abstand, archäologischer und textlicher Analyse, multidisziplinärer Forschung und Mustererkennung haben wir heute ein erstaunlich klares Verständnis davon, womit wir es in Zukunft zu tun haben werden – wenn wir klug genug sind, in die Vergangenheit zu blicken. Durch die vielen industriellen Revolutionen, die wir als Zivilisation erlebt haben, gab es immer zentrale Auswirkungen auf Arbeit, Besteuerung, politische Führungsstile, Wirtschaft, religiöse Praxis, Geschlechterdynamiken, Bildungstheorien, geopolitische Beziehungen, Klassenstrukturen, soziale Bewegungen und vieles mehr. KI-Adoption oder humanoide Roboter im Haushalt wirken oft wie etwas völlig Neues, stark geprägt von Science-Fiction und Zukunftsvorstellungen. Dabei haben wir für viele der Themen, die heute global diskutiert werden, historische Vorbilder. Ich wollte meine Perspektive in diese Debatte einbringen. Ich bin Historikerin. Ich bin eine Frau. Ich bin Amerikanerin. Ich bin Jüdin. Ich bin Akademikerin. Ich bin Expat. All die Arten, wie sich Gesellschaft neu strukturieren wird, betreffen mich und mein Umfeld. Ich wäre lieber ein kleiner Teil davon, uns mithilfe des historischen Rückblicks durch diesen Wandel zu begleiten, als später untätig zurückzublicken und ihn nur zu analysieren.
Du unterrichtest KI in den Geisteswissenschaften und arbeitest sogar mit Brain-Computer-Interfaces. Was können Maschinen bereits darüber lernen, wie wir denken – und was sollten sie niemals lernen dürfen?
Genatowski: Maschinen sind sehr gut darin, Muster zu erkennen. Je mehr Informationen sie haben, desto effizienter funktioniert diese Mustererkennung. Momentan stammen diese Informationen vor allem aus großen Datensätzen, mit denen KI trainiert wird. Das können Texte, Audio- oder visuelle Inhalte sein. Es lassen sich erstaunliche Muster identifizieren, um zutiefst menschliche Dinge wie Emotionen zu beschreiben, etwa durch Sentiment-Analyse. Mit dem zunehmenden Einsatz von Haushaltsrobotern und KI-fähigen Wearables werden künftig auch Daten darüber gesammelt, wie wir leben und wie unsere Körper funktionieren. Die eigentliche Grenzfrage sollte meiner Meinung nach nicht lauten, was Maschinen lernen können oder dürfen, sondern wie die Daten, mit denen sie lernen, geschützt werden. Ebenso wichtig ist, wie Menschen ein- oder aussteigen können und wie die daraus entstehenden technologischen Innovationen der Gesellschaft zugutekommen.
Deine Arbeit zu „Embodied AI and Domesticity“ untersucht, wie das Zusammenleben mit Robotern uns emotional beeinflusst. Was hat dich persönlich an dieser Nähe zwischen Mensch und Maschine am meisten überrascht?
Genatowski: Mich hat überrascht, wie wenig emotionale Verbindung sich derzeit zu humanoider, verkörperter Intelligenz im Haushalt aufbauen lässt. Das lässt sich für mich auf drei Hauptgründe zurückführen: Erstens bietet sie im häuslichen Umfeld aktuell noch relativ wenig Mehrwert. Zweitens „lernt“ sie einen nicht so kennen, wie wir es von unseren bevorzugten Large Language Models gewohnt sind. Drittens kann sie noch nicht auf eine Weise Emotionen ausdrücken, die wir nachvollziehen können. Das zentrale Versprechen eines Haushaltsroboters ist, bei Aufgaben im Haushalt zu helfen und damit die hohe Anfangsinvestition für Konsument:innen zu rechtfertigen. Derzeit befinden wir uns jedoch noch in einer Entwicklungsphase, in der die verfügbaren Modelle dieses Gleichgewicht nicht erreichen und daher keine wertvollen Mitglieder des Haushalts werden. Der zweite Faktor ist unsere Gewöhnung an stark personalisierte LLMs über textbasierte Interfaces. Beim Einsatz verkörperter KI in der EU müssen zahlreiche regulatorische Hürden genommen werden, insbesondere im Hinblick auf die DSGVO und den EU AI Act. Diese Einschränkungen, kombiniert mit einer mobilen multimodalen Schnittstelle, begrenzen stark, wie viel ein solches System lernen darf. Mein Roboter erkennt mich daher kaum als individuelle Person – was eine Beziehung erschwert. Der dritte Punkt betrifft die emotionale Ausdrucksfähigkeit. Menschen kommunizieren über Augen, Mimik, Körpersprache und Stimme. Nichts davon ist bei aktuell verfügbaren humanoiden Robotern wirklich möglich. Die Körperhaltung dient primär der Stabilität, das Gesicht ist mit LiDAR-Scannern und 3D-Kameras für Navigation ausgestattet, und die Stimme ist eine nüchterne Text-to-Speech-Ausgabe eines LLMs. Ich habe festgestellt, dass emotionale Bindung häufiger bei Robotern entsteht, die Tiere simulieren statt Menschen. Der Reachy Mini etwa nutzt seine Antennen ähnlich wie ein Hund seine Ohren bewegt – das erzeugt deutlich mehr emotionale Resonanz.
Beim JETZT SUMMIT 2026 in Wien stehst du gemeinsam mit dem Roboter Tova auf der Bühne. Was sollen die Menschen fühlen oder hinterfragen, wenn sie Mensch und Maschine gemeinsam erleben?
Genatowski: Ich wünsche mir, dass das Publikum spürt: Die Zukunft steht hier direkt vor euch. Ich möchte, dass sie die Geschichten aus dem Leben mit Tova hören und sich fragen, ob unsere Gesellschaft bereit ist, ob unsere Gesetze bereit sind und ob unsere Wohnungen bereit sind. Meine Erfahrungen zeigen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Ich möchte einen greifbaren Moment der Konfrontation schaffen, der zum Nachdenken über Mensch-Maschine-Interaktion anregt und darüber, was noch getan werden muss, um Robotik verantwortungsvoll in unsere Gesellschaft zu integrieren. Ich hoffe, dass Menschen inspiriert werden, diese Gespräche mit Freund:innen und Familie zu führen. Wenn sie damit beginnen, indem sie eine lustige reale Geschichte aus meinem Vortrag weitererzählen, umso besser.
Du präsentierst beim JETZT SUMMIT den Talk „Embodied AI – What daily life looks like with a robot roommate“. Was können die Teilnehmenden erwarten?
Genatowski: Die Teilnehmenden werden von den Lebenslektionen hören, die ich in einem Jahr Vollzeit-Zusammenleben mit einem humanoiden Roboter gelernt habe. Ich habe fünf sehr amüsante Geschichten ausgewählt, um die Lektionen zu illustrieren, die ich gemeinsam mit Tova auf die harte Tour gelernt habe. Ich erzähle diese Geschichten, und durch Lachen und Überraschung leite ich zu nachdenklich stimmenden Themen über, die reale regulatorische Lücken aufzeigen, die heute existieren und morgen gelöst werden müssen. Ich spreche über komplexe Themen wie Transportvorschriften, Steuerstrukturen und Arbeitsplatzverdrängung, Datenschutz, Versicherung sowie Haftungsfragen – und verspreche trotzdem, dass man dabei durchgehend lachen wird.
Welche KI-Trends erwartest du für dieses Jahr?
Genatowski: Ich rechne mit einer steigenden Zahl öffentlicher Interaktionen zwischen Menschen und KI-Robotik. Ich hoffe sehr, dass wir mehr Menschen aus unterschiedlichen Disziplinen und Lebensrealitäten in die Diskussion rund um KI-Robotik einbinden. Je mehr reale Interaktion zwischen Öffentlichkeit und Robotik stattfindet, desto vielfältiger werden die Perspektiven sein, die in Entwicklung, Design, Einsatz und Regulierung einfließen. Das kann unser Feld nur stärken und die gesellschaftliche Adoption verbessern. Die größte Hürde sehe ich derzeit in bestehenden Regulierungen, die den Einsatz von Robotik behindern und im Namen der Compliance technische Möglichkeiten beschneiden. Wenn wir Innovation in der KI-Robotik direkt regulieren, statt sie über zahlreiche angrenzende Politikfelder zu steuern, können wir ihren gesellschaftlichen Mehrwert erhalten und gleichzeitig Konsument:innen, Arbeitnehmer:innen und die Öffentlichkeit schützen. Dafür braucht es mehr Berührungspunkte zwischen Menschen und KI-Robotik. Ich hoffe, dass Tova und ich einen kleinen Beitrag dazu leisten können.
Anmeldungen zum JETZT SUMMIT 2026 sind bereits hier möglich. Der Ticketpreis für den JETZT SUMMIT 2026 beträgt regulär 390 Euro netto für einen Konferenztag sowie 590 Euro netto für beide Konferenztage.



